Produktion

 

Das Flusen neuer Teppiche

Grundsätzlich, jeder Teppich, dessen Flor aus Wolle, Schurwolle oder Wollmischungen besteht flust in der ersten Zeit des Gebrauchs mehr oder weniger stark ab.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um gewebte-,  getuftete-, gewirkte oder handgeknüpfte Teppiche handelt.
Mit "Flusen" werden die zusammen geballten, feinen und oft kurzen Wollhaare (Linters) bezeichnet, die sich beim Gebrauch aus dem Flor (oder aus der Noppe) des Teppichs lösen. Die feinen und kurzen Wollhaare (Linters) haben das Waschen der Schweisswolle, das Krempeln, Karden, Spinnen und Färben überstanden. Das Belaufen überstehen sie nicht.
Das Flusen wird unter Fachleuten als ganz normal und unvermeidlich bezeichnet. Es ist in keinem Fall eine Wertminderung des Teppichs, denn der Gewichtsanteil der Flusen zum gesamt Wollanteil liegt in der Regel unter 0,35%, gemessen am Florgewicht des Teppichs.
Unter den handgeknüpften Teppichen gibt es solche, die flusen, dazu gehören Liamonte-Teppiche, und solche die nicht flusen, oder kaum flusen, das sind die heutigen Teppiche aus dem Orient (Iran, Türkei, Indien, Nepal, Afghanistan, Pakistan und China). Nun
stellt sich die Frage, ist es besser, wenn neue Teppiche flusen, oder sollten sie besser nicht flusen?
Ich bin der Ansicht, es ist besser, wenn sie flusen und will begründen, warum.
Erinnern wir uns, grundsätzlich flusen alle Teppiche. Wenn nun verlangt wird, daß es keine Flusen mehr geben darf, müssen diese Teppiche einer besonderen, chemischen Behandlung unterzogen werden. Bei dieser Behandlung werden in einer Lauge mit Natrium-Hypochlorid die Linters, die Epicuticular (Wollhäutchen) und die Schuppen der Wolle entfernt. Es bleibt nur noch der Wollkern übrig. Genau genommen hat die Wolle nach der Behandlung (Veredelung?) mit reiner Schurwolle nichts mehr zu tun. Mit dieser Technik werden gleichzeitig minderwertige und tote Wollen veredelt, um sie mit weichem Griff und glänzender Optik auszustatten.
Der gewaschene und so „veredelte“ Teppich wird jetzt nicht mehr flusen.
Das heißt aber nicht, daß sich der Flor des Teppichs nicht mehr abreiben und
verschleißen wird. Ganz im Gegenteil, der Flor kann sich nicht mehr durch das Begehen
und Benutzen verwalken und verdichten. Die Schuppen des Schurwollhaares, die dafür
nötig wären, sind ja verschwunden.
Der Flor bleibt offen. Schmutz und Staubkörnchen dringen ein. Die Wolle wird
mit der Zeit mehr und mehr aufgerieben. Der offene Flor ist nicht mehr elastisch genug.
Er kippt um  und bietet den reibenden Tritten eine nun ziemlich große Angriffsfläche. Es
zeigen sich keine Flusen, dafür schmirgelt sich die Wolle zu feinen Staub, der, für den
Verbraucher unsichtbar, im Staubsauger verschwindet! Der Teppich wird schlechter. Er
verliert an Lebensdauer und wird unansehlich!
Unveredelte Teppiche flusen. Gleichzeitig wird der Flor durch Begehungs- und
Benutzungswalken verfestigt und verdichtet. Staub und Schmutz bleiben hauptsächlich
an der Oberfläche, von der sie leicht entfernt werden können. Je häufiger der Teppich
benutz und kräftig gesaugt wird, um so schneller verschwindet das Flusen. Die
Schurwolle läutert sich und der Teppich hält länger und wird mit der Zeit immer schöner.
Für diesen Vorteil lohnt es sich, den Nachteil des Flusens in der ersten Zeit in Kauf zu
nehmen!
Liamonte-Teppiche sind ökologische Teppiche. Sie werden weder gewaschen, noch
werden sie „veredelt“!
Liamonte-Teppiche werden in der ersten Zeit des Gebrauchs immer flusen! Aber selbst
diese Flusen haben noch einen guten Zug. Sie flottieren noch. Gewiefte Spinnereioen
könnten aus diesen Flusen noch ein Garn machen.

Anmerkung zur „Veredelung“ von Teppichen:
Tierische Fasern (Wolle,Seide etc.) werden von Bleichmitteln auf Chlorbasis beschädigt.
Flüssige, hypochlorierte Bleichmittel sollten nie für Wolle, Seide, Haare etc, verwendet werden, da
sie die Fasern stark beschädigen! Bei unverdünnter Anwendung werden die Fasern völlig aufgelöst

Waakirchdn im Juni 2012, verfasst von Otto Scheda